Das Tempolimit auf der Nordschleife - ein erstes Fazit

Seit dem Unfall in der VLN am 28.03.2015 hat der DMSB ein Geschwindigkeitslimit auf der Nordschleife in Kraft gesetzt, welches in Kreisen der Aktiven und Fans kontrovers diskutiert wird. Ich kann sowohl Argumente von Befürwortern wie auch Gegnern dieser Beschränkungen verstehen.

 

Nun könnten wir bei Bx2 zwar sagen: "Das betrifft uns nicht", denn mit unserem Fahrzeug der V4 Klasse erreicht man an den betreffenden Stellen die genannten Geschwindigkeiten kaum. Als aktiver Motorsportler und Nordschleifen-Fan habe ich natürlich trotzdem eine Meinung dazu.

Macht das Tempolimit den Motorsport für die Fans langweiliger?

Eine oft gelesene These, die vom Verlauf des heute zu Ende gegangenen ADAC Zurich 24-h-Rennens 2015 Lügen gestraft wurde. Es war alles dabei, was sich ein 24-h-Fan wünschen kann. Selten habe ich so ein bis zur Letzten Runde packendes Finale eines 24-Stunden-Rennens erlebt. Es wurde wie immer auf der Strecke gekämpft, um Tankstrategien gerungen und viele Fahrzeuge haben die Zieflagge nicht gesehen. Sei es, weil sie den Belastungen in der 'Grünen Hölle' nicht standhielten oder aufgrund von Karambolagen oder Fahrfehlern mit der Folge eines Totalausfalls.

 

Dann das Finale mit einem historisch knappen Abstand von nur 40 Sekunden zwischen dem Audi R8 LMS auf Platz 1 und BMW Z4 GT3 auf Position 2! Bis zur letzten Runde wurde gekämpft und alles gegeben. Als langjähriger Fan des 24-h-Rennens hat es mir an diesem ereignisreichen Wochenende jedenfalls an nichts gefehlt.

Tempolimit: Das Ende der Rennserien in der 'Grünen Hölle'?

Der völlig zerstörte Falken-Porsche nach dem Überschlag Ende Döttinger Höhe am 5.April 2014, Foto: Frank Beckers
Der völlig zerstörte Falken-Porsche nach dem Überschlag Ende Döttinger Höhe am 5.April 2014, Foto: Frank Beckers

Als Fahrer oder Inhaber eines Rennsport-Teams mag die Sichtweise etwas differenzierter sein. Natürlich möchte man auf jeder Rennstrecke das Maximum aus seinem Fahrzeug herausholen. Das wird durch die aktuellen Beschränkungen unmöglich. Weniger anspruchsvoll ist es dadurch noch lange nicht. Ich kann zumindest die 200-Begrenzung vor Flugplatz als vorübergehende Maßnahme nach dem tödlichen Unfall nachvollziehen, über das 250-km/h-Limit auf der Döttinger Höhe aufgrund der schweren Unfälle im Bereich Tiergarten kann man sicher trefflich streiten. Ich habe den  Überschlag des Falken-Porsche im letzten Jahr live erlebt und kann zumindest die Überlegungen dahinter nachvollziehen. Trotzdem dürfte für die Betreiber der leistungsstarken SP9 Fahrzeuge das 250 km/h-Limit wie eine Kastration wirken.

Weniger Fahrzeug - mehr Fahrer

Aber auch die Fahrzeughersteller dürfen sich einmal an die eigene Nase fassen. Der Rennsport auf der Nordschleife mit seiner unvergleichlichen Historie im Breitensport wandelt sich immer mehr zu einer kommerziellen Show der Fahrzeughersteller, die Zuschauerzahlen gehen zurück. Wer Playstation-Kids ohne nennenswerte Renn-Erfahrung auf die leistungsstärksten Boliden setzt oder seine Fahrerauswahl nur nach der Dicke des Sponsoren-Portemonnaies richtet, der muss ich nicht wundern, wenn er irgendwann in die Schranken verwiesen wird. 

 

Wenn ein Sieg nur daran hängt, ob ich auf der Döttinger Höhe mit beliebig viel Leistungsüberschuss vorbeikomme, dann stimmt etwas anderes nicht, nämlich das fahrerische Können. Vielleicht ist es an der Zeit, endlich wieder mehr in gute Fahrer zu investieren statt die Fahrzeuge mit immer mehr Leistung aufzurüsten?

 

In VLN und 24-h-Rennen der vergangenen Jahre gab es immer häufiger Beschwerden über die zunehmende Rücksichtslosigkeit bestimmter Fahrer und Rennställe, für die Geld keine Rolle spielt. Das zu langsame Fahrzeug eines Privat-Teams 'von der Strecke zu schießen', wenn es sich nicht schnell genug in Luft auflöste, gehörte inzwischen zur Tagesordnung, während man selbst für ein paar tausend Euro beschädigte Teile schnell an der Box wechseln ließ und weiterfuhr. Wer es nicht glaubt, mag sich nur das Sterben der privaten Rennteams in VLN und 24-h-Rennen über die letzten Jahre ansehen. Ein engagierter, aber nur durchschnittlich betuchter Motorsportler kann sich die Teilnahme an diesen Serien langfristig kaum noch leisten.

 

Ich habe selbst Spaß an harten Fights und Fahren am Limit, aber für mich gehört Fairness genauso zum Motorsport wie Risikobereitschaft. Ich will auch keine Weicheier auf der Strecke und Rennunfälle gehören dazu. Aber für mich hat die abnehmende Attraktivität von Rennserien eher mit der Entfernung vom familiären Breitensport und abnehmender Nähe zu den Fans zu tun als mit Tempolimits. Mit zunehmender Kommerzialisierung geht immer mehr der direkte Kontakt zwischen Fans und Rennteams verloren, der den einzigartigen Reiz der Rennen am Ring ausmacht. Man sehe sich nur an, was der Kommerz aus der Formel 1 gemacht hat....

Code 60 - Sicherheitsgewinn oder Unfug?

Mit 'Code 60' wird die Ankündigung einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf 60 km/h bezeichnet, der eine Doppel-Gelb-Passage folgt. Vor Code 60 war unter Doppel-Gelb 'Langsam fahren' angesagt. Wobei das sehr subjektiv ist. In einem GT3 Fahrzeug fühlen sich eben auch 150 schon 'langsam' an. Aber fragt mal den Streckenposten, an dem so ein Fahrzeug vorbei donnert, während er versucht zu helfen...


Mit Code 60 gibt es eine einheitliche Regelung, man kann sich vor einer Gefahrenstelle darauf einstellen. Und schließlich geht es hier nicht um die Fahrer in ihren auf Sicherheit ausgerüsteten Käfigen, sondern um Gesundheit und Leben der Streckensicherung, die uns allen, meist ehrenamtlich, erst diesen wundervollen Sport ermöglichen. Das sollte es uns wert sein und deshalb halte diese Regelung auch für akzeptabel und sinnvoll.


Dirk Bergner